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Standardblatt am Arbeitsplatz neben einem handgeschriebenen Zettel

Lean-Praxis

Das Plakat an der Linie hat noch nie einen Prozess verbessert

Der Standard hängt laminiert an der Maschine, gearbeitet wird anders. Ich erkläre, warum Standards sterben, was Tafeln können und was nicht, und wie Sie Standards bauen, die bleiben.

StartRatgeberLean-Praxis

7 Min.

An fast jeder Linie, die ich betrete, hängt ein Standard. Laminiert, mit Foto, mit Unterschrift der Produktionsleitung. Und an fast jeder Linie arbeitet die Schicht anders, als der Standard es zeigt. Nicht aus Trotz. Meistens, weil der Standard nie zu dem gepasst hat, was die Leute vor Ort tatsächlich tun.

Dazu kommen die Tafeln. Shopfloor-Boards, Kennzahlentafeln, Massnahmenlisten. In vielen Werken sind sie das sichtbarste Ergebnis des Lean-Programms. Und in vielen Werken sind sie das sichtbarste Zeichen dafür, dass es nicht mehr lebt: Stand von vor Wochen, Massnahmen ohne Verantwortliche, Kennzahlen, die niemand bespricht.

Dieser Artikel ist für Produktionsleitung und Werkleitung, die sich fragen, ob Standards und Tafeln überhaupt etwas bringen. Meine Antwort: Ja, aber nur, wenn man sie richtig versteht. Ein Standard ist kein Dokument, und eine Tafel ist kein Aushang.

Warum Standards sterben

Ein Standard stirbt selten laut. Er stirbt, weil eine von drei Sachen passiert ist. Er wurde von jemandem geschrieben, der die Arbeit nicht selbst macht. Er wurde einmal erstellt und nie wieder angefasst, obwohl sich Material, Werkzeug oder Takt geändert haben. Oder er beschreibt einen Idealzustand, der an der Linie nie erreichbar war.

Ein Werk mit mehreren Montagelinien, das ich begleitet habe, hatte Standardarbeitsblätter für jeden Arbeitsplatz. Sie waren sauber, vollständig und wurden im Audit gelobt. Als ich mit den Werkern an der Linie stand, zeigte mir einer, wie er den Arbeitsschritt wirklich macht. Es war schneller und sicherer als das Blatt. Er hatte es nie gemeldet, weil ihn niemand gefragt hatte. Der Standard war nicht falsch, er war veraltet, und die bessere Lösung lebte nur im Kopf eines einzelnen Mitarbeiters.

Das ist der Kern: Ein Standard, der nicht mit den Leuten entsteht, die ihn ausführen, ist ein Wunsch der Führung. Und Wünsche hält niemand ein.

Was ein Standard eigentlich ist

Im Toyota-Produktionssystem ist der Standard die beste derzeit bekannte Art, eine Arbeit zu tun. Das Wort derzeit ist entscheidend. Der Standard ist die Grundlage für Verbesserung, nicht deren Ende. Ohne Standard gibt es keine Abweichung, ohne Abweichung kein Problem, ohne Problem keine Verbesserung. Deshalb steht am Anfang des PDCA-Zyklus nach Deming nicht die Idee, sondern der Ist-Zustand.

Daraus folgen drei Anforderungen. Der Standard muss von den Leuten kommen, die ihn ausführen, mindestens mit ihnen. Er muss so einfach sein, dass man ihn an der Maschine in wenigen Sekunden prüfen kann. Und er muss ein Verfallsdatum haben: Wer eine bessere Methode findet, ändert den Standard, und zwar über einen festen Weg.

Im Office gilt das genauso. Ein Standard für die Auftragsklärung, den die Sachbearbeitung nicht selbst geschrieben hat, wird umgangen, sobald der erste Sonderfall kommt. Und Sonderfälle kommen täglich.

Was Tafeln können

Eine Shopfloor-Tafel hat genau eine Aufgabe: Sie macht Abweichungen sichtbar, damit über sie gesprochen wird. Nicht mehr. Sie ist kein Reporting an die Werkleitung, kein Aushang für Besucher und kein Nachweis für das Audit.

Eine gute Tafel beantwortet auf einen Blick drei Fragen. Läuft es heute nach Plan, ja oder nein? Wenn nein, woran liegt es? Und wer kümmert sich bis wann darum? Alles, was darüber hinausgeht, macht die Tafel schwerer lesbar, ohne sie nützlicher zu machen.

Das wirkliche Werkzeug ist nicht die Tafel, sondern das Gespräch davor. Kurz, täglich, im Stehen, mit denen, die die Arbeit machen. Die Tafel ist nur der Anlass. Werke, in denen die Tafel gepflegt wird, das Gespräch aber ausfällt, haben ein Kunstwerk, kein Führungsinstrument.

Was Tafeln nicht können

Eine Tafel kann keine Führung ersetzen. Ich sehe immer wieder Werke, in denen die Boards eingeführt wurden, in der Hoffnung, dass die Teams sich dann selbst steuern. Das passiert nicht. Wenn die Produktionsleitung nicht regelmässig am Board steht, Fragen stellt und Massnahmen nachhält, verliert das Team den Grund, es zu pflegen.

Eine Tafel kann auch keinen fehlenden Standard ersetzen. Wenn es keine Vorgabe gibt, gibt es keine Abweichung, und die Tafel zeigt nur Zahlen ohne Bedeutung. Und sie kann keine schlechte Kennzahl gut machen. Wer eine Grösse an die Tafel schreibt, die das Team nicht beeinflussen kann, produziert Frust, keine Verbesserung.

Und zuletzt: Tafeln können nicht zu viel. Eine Tafel mit zehn Kennzahlen, drei Massnahmenlisten und der Urlaubsplanung ist keine Tafel mehr, sondern eine Pinnwand.

Standards bauen, die bleiben

Mein Vorgehen ist unspektakulär und dauert länger als das Laminieren.

  • Beobachten, bevor man schreibt. Ich stehe mit den Werkern an der Linie und schaue, wie die Arbeit heute gemacht wird, über mehrere Schichten. Meistens gibt es drei Varianten, und eine davon ist die beste.
  • Die beste Variante wird mit dem Team zum Standard. Nicht von der Arbeitsvorbereitung, sondern mit ihr und mit der Schicht, die den Schritt am besten beherrscht.
  • So kurz wie möglich. Ein Foto, drei Schlüsselpunkte, das Warum hinter jedem Punkt. Was nicht auf eine Seite passt, ist kein Standard, sondern eine Schulungsunterlage.
  • Ein fester Weg, den Standard zu ändern. Wer eine bessere Methode hat, sagt es am Board, das Team prüft, der Standard wird angepasst. Ohne Formular, ohne Freigaberunde durch drei Abteilungen.
  • Prüfen, nicht kontrollieren. Die Führung schaut regelmässig, ob der Standard noch passt, und fragt, was daran stört. Das ist der Unterschied zwischen Audit und Gemba.

Im Office funktioniert derselbe Weg mit Bildschirmfotos statt Maschinenbildern und mit Sachbearbeitenden statt Werkern. Die Prinzipien sind gleich.

Der Rhythmus entscheidet

Standards und Tafeln halten, wenn ein Rhythmus dahintersteht. Täglich das kurze Gespräch am Board. Wöchentlich der Blick der Produktionsleitung auf die offenen Massnahmen. Regelmässig die Frage an die Schicht, welcher Standard nicht mehr passt.

Ich habe in Werken erlebt, wie das ohne jede zusätzliche Methode wirkt. Die Tafeln waren dieselben, die Standards waren dieselben. Der Unterschied war, dass die Führung dort war und Fragen stellte. Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Artikel mitnehmen, dann diese: Die Tafel ist der Ort, das Gespräch ist das Werkzeug, und der Rhythmus ist das, was hält.

Kurz gesagt

  • Standards sterben, wenn sie nicht von denen kommen, die die Arbeit machen, oder wenn sie nie mehr angepasst werden.
  • Ein Standard ist die beste derzeit bekannte Methode, kein Dokument. Er braucht einen festen Weg zur Änderung.
  • Eine Tafel hat eine Aufgabe: Abweichungen sichtbar machen, damit darüber gesprochen wird.
  • Tafeln ersetzen weder Führung noch Standards noch gute Kennzahlen. Zu viel auf der Tafel macht sie nutzlos.
  • Das Gespräch am Board ist das Werkzeug, der tägliche Rhythmus ist das, was hält.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Wie viele Kennzahlen gehören auf eine Shopfloor-Tafel?

So wenige, dass das Team sie in einem kurzen Gespräch besprechen kann. Meist reichen Sicherheit, Qualität, Leistung und Liefertermin, dazu die offenen Massnahmen. Jede Kennzahl muss vom Team beeinflussbar sein. Was das Team nicht beeinflussen kann, gehört in den Bericht an die Werkleitung, nicht an die Tafel.

Wer soll Standards schreiben, die Arbeitsvorbereitung oder die Linie?

Beide zusammen, mit klarer Rollenverteilung. Die Linie kennt die tatsächlich beste Methode, die Arbeitsvorbereitung sorgt für Form, Sicherheit und Konsistenz über Schichten hinweg. Ein Standard, den die Arbeitsvorbereitung allein schreibt, wird umgangen. Einer, den die Linie allein schreibt, gilt nur für eine Schicht. Das Zusammenspiel macht ihn belastbar.

Was tun, wenn die Tafeln seit Monaten nicht gepflegt werden?

Nicht neue Tafeln bestellen. Fragen Sie zuerst das Team, warum die alte nicht mehr gepflegt wird. Meist lautet die Antwort, dass niemand mehr hingeschaut hat. Dann beginnt die Produktionsleitung selbst wieder mit dem täglichen Gespräch am Board, reduziert die Tafel auf das Nötigste und hält die Massnahmen nach. Die Pflege folgt dem Interesse der Führung, nicht umgekehrt.

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