Zum Inhalt
XLG SWISS
Gepflegte Kennzahlentafel in einer Produktionshalle, an der Mitarbeitende vorbeigehen

Lean-Praxis

Die Tafel hängt, die Zahlen stimmen, niemand schaut hin

Jede Woche wird die Tafel gepflegt, und jede Woche läuft die Schicht daran vorbei. Eine Tafel, vor der niemand steht, ist Tapete. Was ihr fehlt, ist nicht eine bessere Kennzahl.

StartRatgeberLean-Praxis

7 Min.

Die Tafel ist ein Schmuckstück. Sauber beschriftet, aktuelle Ausdrucke, farbige Magnete, die Diagramme laufen von links nach rechts. Jemand aus der Fertigungssteuerung pflegt sie jeden Montag. Und dann stehen Sie eine halbe Stunde daneben und zählen, wie viele Leute hinschauen. Es sind keine.

Diese Szene erlebe ich in Konzernwerken und im Mittelstand, in der Halle und im Büro, wo die Tafel ein Bildschirm ist, auf dem der Bearbeitungsstand blinkt. Die Zahlen sind richtig. Die Darstellung ist gut. Trotzdem passiert nichts, denn die Tafel ist zur Tapete geworden.

Die übliche Reaktion ist, die Tafel zu verbessern. Andere Kennzahlen, grössere Schrift, ein Bildschirm statt Papier. Das hilft nicht, weil das Problem nicht auf der Tafel liegt. Es liegt in dem, was um sie herum fehlt.

Die Tafel ist ein Nachrichtenmedium, kein Arbeitsmittel

Fragen Sie sich ehrlich, wofür Ihre Tafel gemacht wurde. In den meisten Werken lautet die Antwort: um zu informieren. Die Leute sollen wissen, wie es läuft. Das ist eine gut gemeinte Absicht, und sie ist der Grund, warum die Tafel nicht funktioniert.

Information, die keine Handlung auslöst, wird ignoriert. Das ist kein Charakterfehler der Belegschaft, sondern eine vernünftige Reaktion. Wenn die Zahl für Liefertreue rot ist und sich dadurch nichts an meinem Tag ändert, warum sollte ich sie ansehen? Die Tafel konkurriert mit allem, was am Arbeitsplatz Aufmerksamkeit verlangt, und verliert, weil sie nichts von mir will.

Eine Tafel, die funktioniert, ist etwas anderes. Sie ist der Ort, an dem eine Entscheidung getroffen wird. Sie zeigt, was heute vom Plan abweicht, und sie zeigt, wer sich bis wann darum kümmert. Damit will sie etwas, und dann schaut man hin.

Vier Gründe, warum niemand hinschaut

Wenn ich vor einer verwaisten Tafel stehe, finde ich fast immer einen oder mehrere dieser Gründe:

  • Die Zahlen gehören jemand anderem. Sie werden von der Fertigungssteuerung oder dem Controlling gepflegt, nicht vom Team. Was man nicht selbst schreibt, liest man nicht.
  • Die Zahlen sind zu alt. Eine Wochenauswertung vom Montag sagt der Frühschicht am Donnerstag nichts über ihren Tag. Zum Handeln braucht es Zahlen von gestern oder von der letzten Schicht.
  • Die Zahlen sind zu weit weg. Auslastung des Werks, Gesamtkosten, Kundenzufriedenheit. Wichtig für die Leitung, aber ohne Bezug zu dem, was eine Linie oder ein Sachbearbeiter beeinflussen kann.
  • Es gibt keinen Moment. Niemand steht zu einer festen Zeit davor. Die Tafel hat keinen Termin, also hat sie keine Zuschauer.

Jeder dieser Punkte lässt sich beheben. Keiner davon wird durch eine schönere Tafel behoben.

Wie es in einem Werk mit drei Schichten anders wurde

Ein Werk hatte an jeder Linie eine gross gedruckte Übersicht mit OEE, Ausschuss, Liefertreue und Krankenstand, monatlich vom Controlling aufbereitet. Die Werkleitung war stolz darauf. Die Linienführer konnten mir auf Nachfrage keine der Zahlen nennen.

Wir haben die gedruckten Tafeln abgenommen und durch eine Whiteboard-Fläche ersetzt, auf der die Schicht selbst einträgt: Stückzahl Ist gegen Soll pro Stunde, mit einem Strich, mit einem Stift. Daneben eine Spalte für Störungen mit Grund und eine für offene Massnahmen mit Name und Datum. Zu Schichtbeginn stehen Team und Schichtführer für wenige Minuten davor und gehen nur die Abweichungen durch.

Die Tafel sah nach zwei Wochen nicht mehr schön aus. Sie war beschrieben, korrigiert, mit Fragezeichen versehen. Aber jeder an der Linie wusste, wo die Schicht gestern stand und was heute anders sein muss. Die grossen Kennzahlen des Controllings gab es weiterhin, für die Leitungsrunde. Sie hatten nur einen anderen Ort bekommen, den, an dem sie hingehören.

Die richtige Zahl für die richtige Ebene

Kennzahlen haben Adressaten. Eine OEE ist eine gute Zahl für die Produktionsleitung, die entscheidet, wo investiert wird. Für die Person an der Maschine ist sie abstrakt. Was sie beeinflussen kann, ist die Stückzahl in der Stunde, die Rüstzeit, die Anzahl Störungen an ihrer Anlage. Das sind die Zahlen, die an ihre Tafel gehören.

Dasselbe im Office. Die Durchlaufzeit eines Auftrags über alle Abteilungen ist die Zahl der Bereichsleitung. Die Sachbearbeitung braucht: Wie viele Vorgänge liegen heute bei mir, wie viele davon länger als vereinbart, und welche fehlen an Information. Das kann man auf einer Tafel oder einem Bildschirm zeigen, und es löst etwas aus, weil die Person es ändern kann.

Hoshin Kanri beschreibt genau diese Kaskade: Die Ziele der Leitung werden auf jeder Ebene in Grössen übersetzt, die dort beeinflussbar sind. Eine Tafel, die auf allen Ebenen dieselben Zahlen zeigt, ist keine Kaskade. Sie ist eine Kopie.

Was um die Tafel herum stehen muss

Eine Tafel wirkt nur mit drei Dingen, die nicht an der Wand hängen.

Einem festen Termin: kurz, täglich, immer zur selben Zeit, am selben Ort, im Stehen. Das Shopfloor-Meeting ist genau das. Ohne den Termin gibt es keinen Grund, hinzusehen.

Einer Führungskraft, die fragt statt erklärt. Wer vor der Tafel steht und die Zahlen vorträgt, macht sie wieder zum Nachrichtenmedium. Wer fragt, warum die Abweichung entstand und was wir heute tun, macht sie zum Arbeitsmittel.

Und einer Massnahmenspalte, die gelebt wird. Jede Abweichung bekommt einen Namen und ein Datum. Am nächsten Tag wird geprüft, was daraus wurde. Wenn dort seit Wochen dieselben offenen Punkte stehen, weiss das Team, dass die Tafel nichts bewirkt, und hört wieder auf hinzuschauen. Die Massnahmenspalte ist die Stelle, an der die Tafel lebt oder stirbt.

Ein Test für Ihre Tafel

Gehen Sie morgen an eine Ihrer Tafeln und stellen Sie drei Fragen. Wer hat die Zahlen darauf eingetragen? Wann war der letzte Moment, in dem ein Team davorstand? Welche Massnahme, die dort steht, wurde in dieser Woche erledigt?

Wenn die Antworten lauten: das Controlling, weiss nicht, keine, dann haben Sie Tapete. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Befund. Die gute Nachricht ist, dass die Lösung wenig kostet. Sie besteht aus einem Stift, einem Termin und einer Führungskraft, die Fragen stellt. Alles andere ist Dekoration.

Kurz gesagt

  • Eine Tafel, die nur informiert, wird ignoriert. Eine Tafel, an der entschieden wird, wird angeschaut.
  • Zahlen, die das Team selbst einträgt, werden gelesen. Zahlen vom Controlling werden übersehen.
  • Jede Ebene braucht ihre eigene Zahl: beeinflussbar, aktuell, nah am Arbeitsplatz. Kopien nach unten wirken nicht.
  • Ohne festen Termin hat die Tafel keine Zuschauer. Kurz, täglich, im Stehen, mit einer Führungskraft, die fragt.
  • Die Massnahmenspalte entscheidet: Wenn dort nichts erledigt wird, stirbt die Tafel.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Sollten wir auf digitale Bildschirme statt Whiteboards umstellen?

Erst, wenn die Tafel als Arbeitsmittel funktioniert. Ein Bildschirm löst keines der Probleme, die eine Tafel zur Tapete machen, und er nimmt dem Team die Möglichkeit, selbst einzutragen. Wenn Termin, Fragen und Massnahmen gelebt werden, kann ein Bildschirm die Datenpflege erleichtern. Vorher ist er nur eine teurere Tapete.

Wie viele Kennzahlen gehören auf eine Tafel an der Linie?

So wenige, wie das Team beeinflussen kann und täglich braucht. In der Praxis sind das meist eine Mengenzahl, eine Qualitätszahl und eine Störungsübersicht, dazu die Massnahmen. Alles, was das Team nicht ändern kann, gehört auf die Tafel der nächsten Ebene. Eine Tafel, die vollständig sein will, wird nicht gelesen.

Was, wenn die Schichtführer keine Zeit für ein tägliches Treffen an der Tafel haben?

Dann ist das die erste Massnahme. Ein kurzes Treffen zu Schichtbeginn spart in den meisten Werken mehr Zeit, als es kostet, weil Störungen früher besprochen und Doppelarbeit vermieden wird. Fangen Sie mit einer Linie an, halten Sie das Treffen sehr kurz und nur auf Abweichungen beschränkt, und lassen Sie die Schichtführer selbst erleben, was sich ändert.

Weiterlesen

Lucyna Gorges moderiert einen Lean-Workshop im Obeya-Raum eines grossen Werks

Ihre Tafel hängt, wirkt aber nicht? Schauen wir, was ihr fehlt.

Im Erstgespräch, 45 Minuten und unverbindlich, klären wir, wie aus Ihrer Kennzahlentafel wieder ein Ort wird, an dem entschieden wird.