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Bildschirm mit Software-Workflow und daneben ein handschriftlich kommentierter Papierausdruck

Office und Digitalisierung

Software macht schlechte Prozesse nur schneller

Das neue System ist live, und die Rückfragen werden mehr statt weniger. Kein Zufall. Wer einen unklaren Ablauf digitalisiert, bekommt einen unklaren Ablauf mit Benachrichtigungen.

StartRatgeberOffice und Digitalisierung

7 Min.

Der Auftrag ist im neuen System. Er ist sogar dreimal drin: einmal, wie der Vertrieb ihn angelegt hat, einmal, wie die Arbeitsvorbereitung ihn korrigiert hat, und einmal als Kopie, weil jemand nicht sicher war, ob die erste Version noch gilt. Daneben liegt der Papierausdruck mit Bleistiftnotizen. Der wird weiter benutzt, weil er verlässlicher ist als die drei Datensätze.

So sieht es in vielen Werken und Verwaltungen aus, die in den letzten Jahren ein System eingeführt haben. Die Software läuft. Die Schulung ist gemacht. Und die Probleme, die man loswerden wollte, sind noch da. Sie sind nur schneller geworden, lauter und besser dokumentiert.

Ich begleite seit vielen Jahren Prozesse in Produktion und Administration, und ich habe kaum ein Digitalisierungsprojekt gesehen, das an der Technik gescheitert ist. Gescheitert sind sie fast immer daran, dass niemand vorher geklärt hatte, was der Ablauf eigentlich leisten soll. In diesem Beitrag zeige ich, wie Sie das vor der nächsten Einführung tun.

Die Beschleunigung des Falschen

Ein Prozess hat zwei Schichten. Die untere ist die Logik: Wer entscheidet was, in welcher Reihenfolge, mit welcher Information, und wann ist ein Schritt fertig. Die obere ist das Werkzeug: Papier, Excel, E-Mail, ein Ticketsystem, ein ERP. Software ersetzt immer nur die obere Schicht. Die untere übernimmt sie unverändert.

Wenn die Logik stimmt, macht ein gutes Werkzeug sie sichtbar und schnell. Wenn die Logik nicht stimmt, macht es genau dasselbe: Es macht die Unklarheit sichtbar und schnell. Eine Freigabe, die früher zwei Tage in einer Ablage lag, liegt jetzt zwei Tage in einer Warteschlange, und alle bekommen eine Erinnerung darüber. Ein Feld, das vorher niemand ausgefüllt hat, ist jetzt ein Pflichtfeld, das alle mit einem Strich füllen.

Im Lean-Denken heisst das Muda: Verschwendung. Ein digitalisierter Übergabefehler bleibt ein Übergabefehler. Er kostet weniger Zeit pro Vorgang, kommt aber öfter vor, weil das System ihn bequemer macht. Unter dem Strich hat sich wenig verbessert, und die Enttäuschung im Team wächst.

Woran Sie erkennen, dass der Prozess noch nicht reif für ein Tool ist

Bevor Sie ein Pflichtenheft schreiben oder eine Demo anschauen, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den heutigen Ablauf. Diese Zeichen sehe ich immer wieder:

  • Zwei Personen beschreiben denselben Vorgang unterschiedlich, und beide haben recht, weil es beide Varianten gibt.
  • Es gibt Schattenlisten. Jemand führt neben dem offiziellen Weg eine eigene Tabelle, weil ihm die offizielle Information nicht reicht.
  • Ein Schritt heisst „klären". Niemand kann sagen, was am Ende des Klärens genau vorliegt.
  • Rückfragen sind normal. Ein Auftrag, ein Antrag oder eine Zeichnung geht mehrfach zwischen den gleichen Stellen hin und her, bevor er weitergeht.
  • Fertig ist nicht definiert. Ob ein Schritt abgeschlossen ist, hängt davon ab, wen man fragt.

Jedes dieser Zeichen ist ein Loch in der Logik. Software füllt kein Loch. Sie baut einen Bildschirm darüber.

Ein Beispiel aus der Auftragsabwicklung

Ein Maschinenbauer mit mehreren Montagelinien führte ein Ticketsystem für Änderungsanfragen aus der Konstruktion ein. Ziel war, die Änderungen schneller in die Fertigung zu bringen. Nach der Einführung stieg die Zahl der offenen Tickets, und die Montage beschwerte sich, sie erfahre von Änderungen später als vorher.

Bei der Aufnahme des Ablaufs an den Arbeitsplätzen zeigte sich der Grund. Vor dem System ging der Konstrukteur bei einer dringenden Änderung an die Linie und besprach sie mit dem Vorarbeiter. Das war nicht dokumentiert, aber schnell. Mit dem System legte er ein Ticket an, das in eine Warteschlange der Arbeitsvorbereitung fiel. Dort wurde es nach Eingang bearbeitet, nicht nach Dringlichkeit, weil niemand definiert hatte, was dringend heisst. Der kurze Weg an die Linie galt jetzt als Umgehung und wurde unterlassen.

Die Lösung war kein anderes Tool. Es waren drei Vereinbarungen: eine klare Definition, welche Änderung sofort an die Linie darf; ein täglicher kurzer Blick der Arbeitsvorbereitung auf neue Tickets; und ein Feld, das der Konstrukteur selbst setzt. Danach tat das System, was es sollte. Es machte einen guten Ablauf sichtbar.

Erst der Wertstrom, dann das Werkzeug

Die Reihenfolge, die sich in meiner Arbeit bewährt hat, ist unspektakulär. Sie kostet vor der Einführung einige Wochen und spart danach Monate.

Zuerst nehmen Sie den Ablauf so auf, wie er heute wirklich läuft. Nicht nach Handbuch, sondern am Arbeitsplatz, mit den Leuten, die ihn bedienen. Eine Wertstromanalyse funktioniert im Büro genauso wie in der Halle: Jeder Schritt, jede Übergabe, jede Wartezeit, jede Rückfrage wird notiert. Dabei entstehen fast immer Überraschungen. Schleifen, von denen die Leitung nichts wusste. Doppelarbeit, die jeder für notwendig hielt.

Dann räumen Sie auf. Welche Schritte entfallen, wenn die Information beim ersten Mal vollständig ist? Welche Freigaben sind Absicherung, nicht Entscheidung? Wo kann derjenige entscheiden, der die Information hat, statt sie nach oben zu schicken? Das ist die eigentliche Arbeit, und sie ist unbequem, weil sie Zuständigkeiten berührt.

Erst danach beschreiben Sie, was das Werkzeug können muss. Sie werden feststellen, dass die Liste kürzer ist als gedacht. Ein bereinigter Prozess braucht wenig Funktionen. Ein unbereinigter braucht Ausnahmen für jede Variante, und genau die machen Software teuer, langsam und unbeliebt.

Was Sie beim Einführen anders machen sollten

Die Einführung selbst ist ein Change-Projekt, kein IT-Projekt. Das wird in der Planung fast immer vergessen. Ein paar Punkte, die den Unterschied machen:

  • Das Team, das den Ablauf bedient, gestaltet ihn mit. Nicht als Testnutzer am Ende, sondern bei der Aufnahme und beim Aufräumen am Anfang.
  • Schattenlisten werden nicht verboten, sondern verstanden. Jede private Excel-Tabelle zeigt eine Information, die im offiziellen Weg fehlt. Holen Sie sie in den Prozess, dann stirbt die Liste von selbst.
  • Ein Bereich zuerst. Nicht das ganze Werk an einem Stichtag. Ein Bereich, ein Ablauf, dann lernen, dann ausrollen.
  • Fertig heisst genutzt, nicht installiert. Gehen Sie nach der Einführung an die Arbeitsplätze und schauen Sie, ob der Papierausdruck noch daneben liegt. Wenn ja, wissen Sie, was fehlt.

Der letzte Punkt ist mir der wichtigste. Ein System, das formal läuft und nebenbei umgangen wird, ist teurer als gar kein System, weil es Vertrauen kostet.

Die Frage vor jeder Investition

Wenn mir eine Geschäftsführung ein Digitalisierungsvorhaben vorstellt, stelle ich eine einzige Frage: Würde dieser Ablauf auch auf Papier gut funktionieren? Wenn die Antwort Nein ist, wird er mit Software nicht besser. Er wird nur schneller schlecht.

Das heisst nicht, dass Sie auf Systeme verzichten sollen. Ein bereinigter Prozess in einem passenden Werkzeug ist ein grosser Gewinn: für die Durchlaufzeit, für die Transparenz, für die Leute, die ihn bedienen. Es heisst nur, dass die Reihenfolge nicht verhandelbar ist. Prozess, dann Tool. Nie umgekehrt.

Kurz gesagt

  • Software ersetzt das Werkzeug, nicht die Logik. Eine unklare Logik wird digital nur schneller unklar.
  • Schattenlisten, Rückfrage-Schleifen und Schritte namens „klären" zeigen, dass der Prozess noch nicht reif ist.
  • Erst den Ablauf am Arbeitsplatz aufnehmen und aufräumen, dann das Werkzeug beschreiben.
  • Die Einführung ist ein Change-Projekt: Team beteiligen, ein Bereich zuerst, fertig heisst genutzt.
  • Testfrage vor jeder Investition: Würde der Ablauf auch auf Papier gut funktionieren?

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Wir haben das System schon eingeführt und es läuft schlecht. Ist es zu spät für die Prozessarbeit?

Nein. Nehmen Sie den Ablauf jetzt auf, so wie er mit dem System wirklich läuft, inklusive aller Umgehungen und Papiere daneben. Fast immer lassen sich die Stellen, an denen es hakt, ohne Programmierung beheben: durch Vereinbarungen, klare Zuständigkeiten und das Entfernen von Ausnahmen. Erst wenn das getan ist, lohnt es sich zu prüfen, ob das Werkzeug selbst angepasst werden muss.

Wie lange sollte die Prozessarbeit vor einer Einführung dauern?

Das hängt vom Umfang ab, aber sie ist kürzer, als die meisten befürchten. Für einen einzelnen Ablauf wie die Auftragsabwicklung oder den Änderungsprozess reichen oft wenige Workshops mit den Beteiligten, um den Ist-Zustand aufzunehmen und die grössten Schleifen zu entfernen. Wichtig ist nicht die Dauer, sondern dass die Leute, die den Ablauf täglich bedienen, dabei sind.

Der Anbieter sagt, sein System bringe die Best-Practice-Prozesse gleich mit. Reicht das nicht?

Ein Standardprozess aus der Software ist ein guter Ausgangspunkt, aber kein Ersatz für die eigene Klärung. Er weiss nicht, wer bei Ihnen welche Entscheidung trifft, welche Varianten Sie wirklich brauchen und welche Sie loswerden wollen. Wenn Sie den Standard übernehmen, ohne Ihren Ablauf vorher bereinigt zu haben, entstehen genau die Ausnahmen und Zusatzfelder, die das System später unhandlich machen.

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