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Office und Digitalisierung

Weniger Meetings, mehr Produktion. Ein Manifest.

Ihr Kalender ist voll, die Linie wartet auf Entscheidungen. Meetings sind Prozesse wie jeder andere – und genauso voller Verschwendung. Hier ist ein Manifest zum Aufräumen.

StartRatgeberOffice und Digitalisierung

7 Min.

Schauen Sie in Ihren Kalender. Wie viele Termine dieser Woche haben ein klares Ergebnis, das ohne den Termin nicht zustande käme? Und wie viele sind einfach da, weil sie immer da waren? Wenn Sie ehrlich sind, ist die zweite Gruppe grösser.

In der Produktion würden Sie das nie durchgehen lassen. Eine Maschine, die läuft, ohne etwas zu produzieren, fällt sofort auf. Ein Meeting, das läuft, ohne etwas zu entscheiden, fällt niemandem auf, weil alle drin sitzen. Dabei ist ein Meeting ein Prozess wie jeder andere: Es hat einen Input, eine Durchlaufzeit, einen Output. Und es hat Verschwendung, oft mehr als jeder Prozess in der Halle.

Ich habe deshalb für Operations-Teams ein Meeting-Manifest formuliert. Keine Verhaltensregeln für höfliche Sitzungen, sondern Lean-Prinzipien auf den Kalender angewendet. Sie können es übernehmen, anpassen oder streichen. Hauptsache, Sie fangen an, Meetings so zu behandeln wie Ihre Prozesse.

Meetings sind Prozesse – und haben die gleichen sieben Verschwendungsarten

Die klassischen Verschwendungsarten aus dem Toyota-Produktionssystem lassen sich fast ohne Übersetzung auf Sitzungen übertragen. Warten: Alle sitzen da, bis der Letzte eintrifft. Überproduktion: Informationen werden präsentiert, die niemand braucht. Bestände: Themen werden vertagt und stapeln sich. Transport: Dieselbe Information wandert durch drei Gremien. Bewegung: Teilnehmende wechseln zwischen Terminen, ohne in einem wirklich anzukommen. Nacharbeit: Entscheidungen werden nach dem Meeting im Flur wieder aufgemacht. Überbearbeitung: Zwanzig Folien für eine Frage, die ein Satz beantwortet hätte.

Wer das einmal so gesehen hat, kann nicht mehr zurück. Der Kalender wird zum Wertstrom. Und wie in jedem Wertstrom gilt: Erst sichtbar machen, dann verbessern.

Ich lasse Führungskreise deshalb gern eine Woche lang ihre Meetings protokollieren: Zweck, Teilnehmende, Dauer, Ergebnis. Das Ergebnis ist fast immer ernüchternd und fast immer der Anfang einer echten Veränderung.

Das Manifest: Grundsätze für Operations

Hier sind die Grundsätze, die ich mit Operations-Teams vereinbare. Sie sind bewusst kurz, damit man sie an die Wand hängen kann.

  • Jedes Meeting hat einen Zweck, der in einem Satz steht: entscheiden, abstimmen oder lösen. Informieren ist kein Zweck. Information geht schriftlich.
  • Wer nicht zum Zweck beiträgt, ist nicht eingeladen. Anwesenheit ist keine Wertschätzung.
  • Die Agenda kommt vorher, mit der Frage, die beantwortet werden soll. Ohne Agenda kein Termin.
  • Die Dauer folgt dem Inhalt, nicht dem Kalenderraster. Kurze Slots sind der Standard, lange die Ausnahme.
  • Jedes Meeting endet mit Entscheidungen, Verantwortlichen und Terminen, sichtbar für alle. Was nicht festgehalten ist, wurde nicht entschieden.
  • Wiederkehrende Meetings haben ein Ablaufdatum. Sie werden regelmässig geprüft und bei Bedarf gestrichen.
  • Der Shopfloor hat Vorrang. Wer im Werk gebraucht wird, darf ein Bürotermin verlassen.

Das Manifest wirkt nur, wenn die Führung es selbst lebt. Wenn die Werkleitung weiterhin ohne Agenda einlädt, folgt niemand den Regeln.

Die Streichliste: Welche Meetings Sie sofort beenden können

Nach der Protokollwoche folgt die Streichliste. Ich frage bei jedem wiederkehrenden Termin dieselbe Frage: Was würde passieren, wenn er ausfiele? Bei erstaunlich vielen ist die Antwort: nichts.

Typische Kandidaten sind Statusrunden, in denen der Reihe nach berichtet wird, was ohnehin im System steht. Abstimmungen, die nur existieren, weil zwei Abteilungen sich nicht trauen, direkt zu sprechen. Lenkungskreise für Projekte, die längst im Alltag angekommen sind. Und die vielen Termine, deren ursprünglicher Anlass niemand mehr kennt.

Eine Bereichsleitung Administration, mit der ich gearbeitet habe, hatte ein wöchentliches Abstimmungsmeeting zwischen Auftragsabwicklung, Arbeitsvorbereitung und Einkauf. Es dauerte lang, alle kamen, wenig wurde entschieden. Beim genauen Hinsehen zeigte sich: Der Termin ersetzte einen fehlenden Prozess. Die Abteilungen hatten keinen geregelten Übergabepunkt, also trafen sie sich. Als der Übergabepunkt im System definiert war, wurde das Meeting überflüssig. Nicht das Meeting war das Problem, sondern das, was es kompensierte.

Was bleibt: Regelkommunikation mit Takt

Weniger Meetings heisst nicht keine Meetings. Ein Werk braucht Regelkommunikation, aber getaktet und mit klarem Zweck auf jeder Ebene. Das Shopfloor-Meeting am Board an der Linie, kurz und täglich, für Abweichungen der letzten Schicht. Die Werksrunde für Themen, die die Linien nicht selbst lösen können. Das Führungsmeeting für Entscheidungen, die Ressourcen oder Prioritäten betreffen.

Das Prinzip dahinter ist Eskalation nach oben, nicht Information nach unten. Jede Ebene bearbeitet, was sie selbst lösen kann, und gibt nur das weiter, was sie nicht lösen kann. Damit wird das Führungsmeeting kürzer, weil es nur noch die echten Hindernisse sieht.

Wer diese Kaskade sauber aufbaut, braucht viele der bisherigen Termine nicht mehr. Der Statusbericht an die Geschäftsleitung entfällt, weil die Geschäftsleitung an der Wand sieht, wo das Werk steht. Die Abstimmung zwischen Abteilungen entfällt, weil Schnittstellen im Prozess geregelt sind.

Digitale Werkzeuge: Hilfe oder neue Verschwendung?

Viele Unternehmen versuchen, Meetingflut mit Tools zu bekämpfen: Chat statt Sitzung, Kanban-Board statt Statusrunde, geteilte Dokumente statt Präsentation. Das kann funktionieren, wenn die Regeln davor klar sind. Wenn nicht, verlagert sich die Verschwendung nur. Aus dem Meeting wird ein Kanal mit Hunderten Nachrichten, den alle lesen müssen, um nichts zu verpassen.

Meine Regel: Erst den Zweck und den Prozess klären, dann das Werkzeug wählen. Ein Chat ersetzt eine Statusrunde, wenn vereinbart ist, wer was wann dort schreibt und wer es lesen muss. Ein digitales Board ersetzt ein Abstimmungsmeeting, wenn die Übergabepunkte darauf abgebildet sind und jemand sie täglich pflegt.

Und manches braucht weiterhin den Raum. Konflikte, Entscheidungen mit Tragweite, Themen mit Emotion: Die gehören nicht in den Chat. Dafür lohnt sich jede Minute im Raum, wenn die Minuten davor eingespart wurden.

So starten Sie: Ein Monat Meeting-Hygiene

Sie müssen nicht das ganze Unternehmen umkrempeln. Beginnen Sie mit Ihrem eigenen Führungskreis. Eine Woche protokollieren. Danach die Streichliste erstellen und mutig sein: Was gestrichen wird, kann jederzeit wieder eingeführt werden, wenn es fehlt. Meistens fehlt es nicht.

Dann das Manifest vereinbaren, nicht verordnen. Lassen Sie den Führungskreis die Grundsätze anpassen, damit es seine eigenen sind. Hängen Sie sie sichtbar auf. Und prüfen Sie nach einem Monat gemeinsam, was sich verändert hat: Wie viele Termine sind weg, wie viele Entscheidungen wurden festgehalten, wie oft wurde ohne Agenda eingeladen.

Der eigentliche Gewinn ist nicht die gesparte Zeit. Es ist die Aufmerksamkeit, die zurück ins Werk fliesst. Führungskräfte, die weniger in Sitzungen sitzen, sind häufiger am Gemba. Und dort passiert die Verbesserung, nicht im Konferenzraum.

Kurz gesagt

  • Ein Meeting ist ein Prozess mit Input, Durchlaufzeit und Output. Die sieben Verschwendungsarten gelten dort genauso wie in der Halle.
  • Jedes Meeting braucht einen Zweck in einem Satz: entscheiden, abstimmen oder lösen. Informieren geht schriftlich.
  • Viele Termine kompensieren fehlende Prozesse. Wer den Übergabepunkt regelt, braucht das Abstimmungsmeeting nicht mehr.
  • Regelkommunikation folgt dem Takt und eskaliert nach oben. Jede Ebene löst, was sie kann, und gibt nur den Rest weiter.
  • Tools helfen erst, wenn Zweck und Prozess klar sind. Sonst wandert die Verschwendung vom Raum in den Chat.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Wie überzeuge ich meinen Führungskreis, Meetings zu streichen?

Nicht mit Argumenten, sondern mit Daten aus dem eigenen Kalender. Lassen Sie den Kreis eine Woche lang jeden Termin nach Zweck, Dauer und Ergebnis protokollieren. Die Auswertung überzeugt meist besser als jede Diskussion. Danach die einfache Frage je Termin: Was passiert, wenn er ausfällt? Vereinbaren Sie, gestrichene Termine erst nach einigen Wochen zu bewerten. Was wirklich fehlt, kommt zurück, und das ist selten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Statusmeeting und einem Shopfloor-Meeting?

Ein Statusmeeting berichtet, was war. Ein Shopfloor-Meeting bearbeitet, was abweicht. Am Board stehen die Kennzahlen bereits, also wird nicht vorgelesen, sondern gefragt: Wo weichen wir ab, warum, wer macht was bis wann. Es ist kurz, steht im Takt und endet mit Massnahmen. Genau dieses Prinzip lässt sich auf Führungsrunden im Office übertragen: Zahlen vorher sichtbar, im Termin nur Abweichungen und Entscheidungen.

Kann ich Meetings komplett durch Chat und digitale Boards ersetzen?

Teilweise. Statusinformation und einfache Abstimmungen lassen sich gut in digitale Kanäle verlagern, wenn klare Regeln festlegen, wer was wo schreibt und wer es lesen muss. Entscheidungen mit Tragweite, Konflikte und emotionale Themen brauchen weiterhin den Raum und das Gespräch. Der Fehler vieler Unternehmen ist, Tools einzuführen, bevor Zweck und Prozess klar sind. Dann entsteht statt der Meetingflut eine Nachrichtenflut.

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