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Change und Führung

Der beste Prozess der Welt scheitert an einem schlechten Montag

Die Methode war richtig, das Board hing, der Standard stand. Ein halbes Jahr später ist alles wie vorher. Lean scheitert selten an der Technik, fast immer am Menschen. Was das für Ihre Führung heisst.

StartRatgeberChange und Führung

7 Min.

Sie kennen das Bild vielleicht aus Ihrem eigenen Werk. Vor einem Jahr wurde ein Bereich mit viel Aufwand neu aufgestellt: Wertstrom analysiert, Layout geändert, Standards geschrieben, Shopfloor-Board installiert. Die Kennzahlen wurden besser. Dann endete das Projekt, der Berater ging, der Lean-Manager wechselte den Bereich. Heute hängt das Board noch, aber die Karten sind vom letzten Quartal. Die Standards stehen im Ordner. Die Leute arbeiten wieder so wie vorher.

Die übliche Erklärung lautet: Es fehlte an Disziplin. Ich halte diese Erklärung für falsch, oder zumindest für unvollständig. Was fehlte, war nicht Disziplin, sondern Veränderung. Das Projekt hat Prozesse geändert, aber nicht die Menschen, die darin arbeiten. Und Menschen kehren zu dem zurück, was sie kennen, sobald der Druck nachlässt.

Deshalb ist für mich Lean ohne Change nicht denkbar. Die Methoden sind die eine Hälfte. Die andere ist die Frage, wie Menschen eine neue Arbeitsweise verstehen, wollen, können und beibehalten. Dieser Artikel handelt von dieser zweiten Hälfte.

Warum Lean-Projekte technisch gelingen und trotzdem scheitern

Lean-Methoden sind gut dokumentiert und in sich logisch. Wer eine Wertstromanalyse sauber durchführt, findet die Engpässe. Wer einen Standard mit dem Team erarbeitet, hat einen brauchbaren Standard. Das Problem beginnt danach.

Ein neuer Prozess verlangt von jedem Beteiligten, alte Gewohnheiten aufzugeben. Der Schichtführer, der bisher morgens durch die Halle ging und mit Zuruf steuerte, soll jetzt am Board stehen und Abweichungen besprechen. Die Sachbearbeiterin, die ihre Excel-Liste über Jahre gepflegt hat, soll im System arbeiten, das sie weniger gut kennt. Der Meister, der immer die Feuerwehr war, soll jetzt Probleme an der Wurzel lösen statt zu löschen.

Jede dieser Veränderungen ist ein Verlust, bevor sie ein Gewinn wird. Verlust an Routine, an Kontrolle, manchmal an Status. Wer das nicht ernst nimmt, bekommt Zustimmung im Workshop und Rückfall im Alltag. Nicht aus bösem Willen, sondern weil das Alte leichter ist, solange das Neue nicht sitzt.

Was Change Management wirklich beisteuert

Change Management wird oft als weiche Begleitmusik missverstanden: ein paar Infoveranstaltungen, ein Newsletter, ein Kick-off mit Gipfeli. Das ist nicht gemeint. Change Management ist die systematische Arbeit daran, dass Menschen eine Veränderung mittragen und beibehalten.

Das ADKAR-Modell beschreibt das als Abfolge von fünf Stufen: Awareness, also Verstehen, warum sich etwas ändern muss. Desire, der eigene Wunsch mitzumachen. Knowledge, das Wissen, wie es geht. Ability, die Fähigkeit, es im Alltag zu tun. Reinforcement, die Verstärkung, damit es bleibt. Die meisten Lean-Projekte investieren fast alles in Knowledge und Ability, also in Schulung und Umsetzung. Awareness und Desire werden vorausgesetzt, Reinforcement wird vergessen.

Kotters Schritte sagen im Kern dasselbe aus Sicht der Führung: Dringlichkeit erzeugen, eine Koalition bilden, Vision entwickeln und kommunizieren, Hindernisse beseitigen, schnelle Erfolge sichtbar machen, nicht nachlassen, das Neue in der Kultur verankern. Beide Modelle sind alt. Sie werden trotzdem in den meisten Werken übersprungen, weil die Methode schneller Ergebnisse verspricht.

Der Moment, in dem Lean kippt: Ein Beispiel

Ein Werk mit mehreren Fertigungsbereichen, das ich begleitet habe, führte Shopfloor Management ein. Die Boards waren gut gemacht, die Kennzahlen sinnvoll, die Schichtführer geschult. Nach einigen Monaten lief es in einem Bereich hervorragend und in einem anderen gar nicht. Gleiche Methode, gleiche Schulung, gleiche Boards.

Der Unterschied lag bei den Bereichsleitern. Der eine kam jeden Morgen selbst ans Board, stellte Fragen, nahm Hindernisse mit und meldete zurück, was er erledigt hatte. Der andere liess die Schichtführer machen und schaute die Kennzahlen im Büro an. Nach wenigen Wochen hatten seine Schichtführer verstanden, dass das Board für niemanden wichtig war, und behandelten es entsprechend.

Das ist der Moment, in dem Lean kippt: nicht bei der Einführung, sondern in den Wochen danach, wenn sich entscheidet, ob die Führung das Neue trägt oder nur duldet. Reinforcement ist keine Massnahme, es ist tägliches Verhalten der Vorgesetzten. Das kann kein Berater und kein Lean-Manager stellvertretend übernehmen.

Vier Dinge, die Führung konkret tun muss

Aus solchen Erfahrungen habe ich für mich vier Aufgaben abgeleitet, die die Führung in jedem Lean-Vorhaben selbst übernehmen muss.

  • Das Warum erklären, mehrfach und persönlich. Nicht per Rundmail, sondern im Gespräch mit den Teams, mit der ehrlichen Antwort auf die Frage, was sich für die Leute ändert.
  • Betroffene zu Beteiligten machen. Standards, Boards und Abläufe werden mit denen gebaut, die damit arbeiten. Was Menschen mitgestaltet haben, verteidigen sie.
  • Sichtbar dranbleiben. Am Board erscheinen, Gemba Walks gehen, Fragen stellen, Hindernisse wegräumen. Nicht kontrollieren, sondern Interesse zeigen.
  • Rückfall als Signal lesen, nicht als Ungehorsam. Wenn ein Standard umgangen wird, ist meist der Standard oder die Rahmenbedingung das Problem, nicht der Mensch.

Das alles kostet Zeit der Führung, die ohnehin knapp ist. Aber es ist die einzige Zeit, die den Unterschied macht zwischen einem Projekt, das hält, und einem, das versandet.

Widerstand ist Information

In fast jedem Lean-Vorhaben gibt es Widerstand. Skepsis der Erfahrenen, Schweigen im Workshop, Umgehung des neuen Prozesses. Die häufigste Reaktion der Führung ist, ihn zu brechen oder zu ignorieren. Beides funktioniert selten.

Ich lese Widerstand als Information. Wer sich wehrt, hat meist einen Grund: Er sieht ein Problem, das die Planer nicht gesehen haben. Er hat schon drei Programme erlebt, die alle versandet sind. Er hat Angst, dass mit dem Standard seine Erfahrung entwertet wird. Alle diese Gründe sind legitim, und alle lassen sich nur im Gespräch klären.

Das verlangt von Führungskräften, Widerspruch auszuhalten und zuzuhören, bevor sie überzeugen. Ich habe selbst über Jahre lateral geführt, ohne disziplinarische Weisungsbefugnis. Ich konnte niemanden zwingen, also musste ich verstehen, warum jemand nicht mitging. Das war mühsam und hat die Ergebnisse gehalten. Wer Weisungsbefugnis hat, hat es leichter, sie zu benutzen, und schwerer, echte Zustimmung zu bekommen.

Lean und Change zusammen planen, nicht nacheinander

Der praktische Schluss daraus: Planen Sie Change nicht als Anhang, sondern von Anfang an mit. Wenn Sie eine Wertstromanalyse ansetzen, planen Sie gleichzeitig, wer die Ergebnisse mit den Teams bespricht und wie. Wenn Sie ein Board einführen, legen Sie fest, wer wie oft dort erscheint und wie Hindernisse zurückgemeldet werden. Wenn Sie einen Standard schreiben, planen Sie, wie er in den ersten Wochen begleitet wird.

Das verlängert das Projekt auf dem Papier und verkürzt es in der Realität, weil der Rückfall ausbleibt. Es verlangt von der Lean-Seite, Menschen ernst zu nehmen, und von der Change-Seite, konkret zu werden. Beides gehört in eine Hand, oder zumindest an einen Tisch.

In meinen Projekten laufen deshalb beide Stränge parallel: die Methode am Prozess und die Arbeit mit den Führungskräften und Teams, die den Prozess tragen sollen. Der Faktor Mensch ist keine Fussnote zur Prozessoptimierung. Er ist der Grund, warum sie hält oder nicht.

Kurz gesagt

  • Lean-Projekte gelingen meist technisch und scheitern danach, weil Menschen zu alten Gewohnheiten zurückkehren, sobald der Druck nachlässt.
  • ADKAR und Kotter beschreiben dieselbe Lücke: Verstehen, Wollen und Verstärken werden in Lean-Vorhaben übersprungen.
  • Ob Lean hält, entscheidet sich in den Wochen nach der Einführung am Verhalten der direkten Vorgesetzten.
  • Widerstand ist Information. Wer sich wehrt, hat meist einen Grund, den nur ein Gespräch klärt.
  • Change gehört von Anfang an in den Lean-Plan, nicht als Anhang. Sonst verlängert der Rückfall das Projekt in der Realität.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Lean Management und Change Management?

Lean Management zielt auf Prozesse: Verschwendung finden, Fluss herstellen, Standards und Kennzahlen etablieren. Change Management zielt auf Menschen: verstehen, warum sich etwas ändern muss, mitmachen wollen, das Neue können und beibehalten. In der Praxis greifen beide ineinander. Ein neuer Prozess ohne Veränderung der Menschen fällt zurück, eine Veränderung ohne konkreten Prozess bleibt abstrakt. Deshalb plane ich beides von Anfang an gemeinsam.

Wie erkenne ich früh, dass ein Lean-Projekt zu kippen droht?

An kleinen Zeichen in den Wochen nach der Einführung. Das Board wird nicht mehr täglich aktualisiert. Die Führungskraft erscheint seltener am Meeting. Der Standard hängt, aber die Leute arbeiten daneben. Hindernisse, die eskaliert wurden, bekommen keine Rückmeldung. Jedes dieser Zeichen ist einzeln harmlos und zusammen ein klares Signal. Wer dann nicht reagiert, hat nach einem Quartal den Zustand von vorher.

Was kann ich als Werkleitung tun, wenn ein Bereichsleiter Lean nur duldet, aber nicht trägt?

Zuerst das Gespräch suchen, nicht die Anweisung. Oft steckt dahinter Überlastung, Unsicherheit mit der neuen Rolle oder die Erfahrung früherer Programme, die versandet sind. Klären Sie, was der Bereichsleiter braucht, um mitzugehen: Zeit, Coaching, ein Vorbild. Machen Sie gleichzeitig deutlich, dass sichtbare Präsenz am Board Teil seiner Führungsaufgabe ist. Wenn beides nichts ändert, ist das eine Führungsfrage, die Sie nicht über die Methode lösen können.

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