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Einzelne Palette mit Sperrschild auf einer Bodenmarkierung zwischen zwei Produktionsbereichen

Strategie und Vorgehen

Wenn jeder für alles zuständig ist, ist niemand verantwortlich

„Das machen wir alle gemeinsam“ klingt nach Teamgeist und endet in liegen gebliebenen Aufgaben. Warum geteilte Zuständigkeit keine Verantwortung ist, und wie Sie das ändern.

StartRatgeberStrategie und Vorgehen

7 Min.

Wer ist bei Ihnen dafür verantwortlich, dass ein gesperrtes Teil innerhalb eines Tages entschieden wird? Qualität, Produktion, Arbeitsvorbereitung? Wenn die Antwort lautet „das klären wir gemeinsam“, dann kenne ich die Palette, die seit zwei Wochen in der Sperrzone steht. Sie steht dort nicht, weil jemand nachlässig war. Sie steht dort, weil drei Bereiche zuständig sind und deshalb jeder annehmen darf, dass ein anderer sich kümmert.

Geteilte Zuständigkeit ist eine der häufigsten Ursachen für Stillstand, die ich in Werken und in der Administration sehe. Sie fühlt sich gut an, weil sie nach Zusammenarbeit klingt. Sie ist bequem, weil niemand allein im Feuer steht. Und sie ist teuer, weil jede Entscheidung auf den wartet, der sich zuerst bewegt.

In diesem Beitrag geht es um den Unterschied zwischen Zuständigkeit und Verantwortung, um die Stellen, an denen die Unklarheit entsteht, und um eine Art, sie zu klären, die nicht in neue Abteilungsgrenzen führt.

Zuständig ist nicht dasselbe wie verantwortlich

Zuständig sein heisst: Ich darf mich damit befassen. Verantwortlich sein heisst: Wenn es nicht passiert, liegt es an mir. Der Unterschied klingt spitzfindig, entscheidet aber darüber, ob eine Sache erledigt wird.

In vielen Organisationen gibt es für jede Aufgabe eine Menge Zuständiger und keinen Verantwortlichen. Die Wartung ist zuständig für die Maschine, die Produktion für den Ausstoss, die Qualität für die Freigabe, die Planung für die Reihenfolge. Wenn die Maschine wegen eines Qualitätsproblems steht, das durch eine falsche Reihenfolge entstanden ist, sind alle vier zuständig. Verantwortlich dafür, dass sie in zwei Stunden wieder läuft, ist niemand.

Das Bild, das ich dafür benutze: Verantwortung ist wie ein Staffelstab. Er kann in jedem Moment nur in einer Hand sein. Sobald zwei Hände ihn halten, läuft niemand. Das schliesst Zusammenarbeit nicht aus. Es bedeutet nur, dass immer klar ist, wer gerade läuft und wer unterstützt.

Wie geteilte Zuständigkeit entsteht

Niemand entscheidet sich bewusst für Unklarheit. Sie wächst. Einige Wege, die ich immer wieder sehe:

  • Der Konfliktvermeider: Zwei Bereiche streiten um eine Aufgabe, und die Leitung entscheidet, dass beide sie „gemeinsam“ tragen. Der Streit ist beendet, die Aufgabe verwaist.
  • Das Organigramm ohne Prozess: Es gibt Abteilungen mit Namen, aber keinen Ablauf, der sagt, wer bei welchem Vorgang den Stab hält.
  • Die Matrix: Projektleitung und Linienleitung sind beide verantwortlich, und die Mitarbeitenden entscheiden im Zweifel selbst, wem sie folgen.
  • Das Meeting als Verantwortlicher: „Das entscheidet der Produktionskreis.“ Ein Kreis kann nicht verantwortlich sein. Er trifft sich einmal pro Woche und vergisst dazwischen.
  • Die Angst vor Silos: Aus Sorge, dass klare Verantwortung zu Abschottung führt, wird alles zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt.

Der letzte Punkt verdient Aufmerksamkeit, weil er gut gemeint ist. Silos entstehen aber nicht durch klare Verantwortung, sondern durch fehlende Schnittstellen. Ein Bereich, der weiss, wofür er steht, kann sehr gut zusammenarbeiten. Ein Bereich, der für alles ein bisschen zuständig ist, arbeitet mit niemandem richtig zusammen, weil er nie fertig wird.

Was das im Alltag kostet

Die Kosten geteilter Zuständigkeit sind selten in einer Kennzahl sichtbar. Sie verstecken sich in Wartezeiten, Rückfragen und Meetings, die es nur gibt, um zu klären, wer sich kümmert.

Ein Beispiel aus der Administration: In der Auftragsabwicklung eines Werks war die Klärung technischer Rückfragen des Kunden Sache „des Vertriebs und der Konstruktion“. Beide hatten die Kundenmail. Der Vertrieb wartete auf die technische Einschätzung, die Konstruktion wartete auf die kommerzielle Vorgabe. Die Mail lag in beiden Postfächern, und beide waren im Recht, nichts zu tun. Der Kunde bekam nach Tagen eine Antwort, weil er ein zweites Mal geschrieben hatte, diesmal an die Geschäftsführung.

Die Kosten dieses Vorgangs waren nicht die Bearbeitungszeit, sondern die Liegezeit, die Eskalation, das Gespräch der Geschäftsführung mit beiden Bereichen und das Vertrauen des Kunden. Und der eigentliche Schaden: Beide Bereiche haben gelernt, dass Warten keine Konsequenzen hat. Beim nächsten Mal liegt die Mail wieder.

Verantwortung klären: das Vorgehen

Klarheit entsteht nicht durch ein neues Organigramm, sondern entlang der Vorgänge. Ich gehe dazu in dieser Reihenfolge vor.

Erstens: Vorgänge sammeln, bei denen es hakt. Nicht alle, sondern die, bei denen in den letzten Wochen etwas liegen geblieben ist oder eskaliert wurde. Gesperrte Teile, Kundenrückfragen, Änderungsanträge, Störungen an Schnittstellen. Meist sind es weniger als ein Dutzend Typen.

Zweitens: Für jeden Typ genau eine Person benennen, die den Stab hält. Nicht eine Abteilung, nicht ein Kreis, eine Person mit Namen und Vertretung. Diese Person muss nicht alles selbst tun. Sie muss dafür sorgen, dass es getan wird, und sie ist die Adresse, wenn es nicht passiert.

Drittens: Die Befugnis mitgeben. Verantwortung ohne Entscheidungsrecht ist eine Zumutung. Wer für die Entscheidung über gesperrte Teile verantwortlich ist, muss innerhalb eines Rahmens selbst entscheiden dürfen, ohne für jedes Teil die Werkleitung zu fragen.

Viertens: Die Schnittstellen benennen. Wer liefert dem Verantwortlichen was, bis wann? Das ist der Teil, der Silos verhindert. Klar ist nicht nur, wer den Stab hält, sondern auch, wer ihn übergibt und was mitkommt.

Fünftens: Sichtbar machen. Die Zuordnung hängt dort, wo die Vorgänge entstehen, am Board in der Halle, im Ablauf im Office. Was nur in einer Datei der Personalabteilung steht, existiert im Alltag nicht.

Die Angst vor dem Schuldigen

Wenn ich Verantwortung auf eine Person zuspitze, kommt fast immer der Einwand: „Dann haben wir einen Schuldigen, wenn es schiefgeht.“ Der Einwand verrät etwas über die Kultur, nicht über das Vorgehen.

Verantwortung ist nicht Schuld. Verantwortung heisst, dass jemand die Sache im Blick hat und meldet, wenn sie nicht funktioniert. Wenn ein Verantwortlicher scheitert, weil ihm die Mittel fehlten oder eine Schnittstelle nicht geliefert hat, ist das keine Schuld, sondern eine Information. Diese Information bekommen Sie nur, wenn es jemanden gibt, der sie liefern kann. Bei geteilter Zuständigkeit bekommen Sie sie nie, weil jeder mit dem Finger auf den anderen zeigt.

Die Führungsaufgabe dabei ist, mit dem ersten Scheitern richtig umzugehen. Wenn der Verantwortliche für gesperrte Teile beim ersten Fehlentscheid vorgeführt wird, übernimmt niemand mehr die nächste Verantwortung. Wenn er stattdessen gefragt wird, was ihm gefehlt hat, und das Fehlende beschafft wird, wächst die Bereitschaft, den Stab zu nehmen.

Was Sie morgen tun können

Nehmen Sie den einen Vorgang, der Sie diese Woche am meisten geärgert hat. Fragen Sie in der Runde der Beteiligten eine einzige Frage: „Wer hält bei diesem Vorgang den Stab, vom Anfang bis zum Ende?“ Wenn die Antwort länger als ein Satz ist, haben Sie die Ursache gefunden.

Dann klären Sie es an diesem einen Vorgang: eine Person, eine Vertretung, ein Entscheidungsrahmen, die Schnittstellen dazu. Schreiben Sie es dorthin, wo der Vorgang entsteht. Und schauen Sie in zwei Wochen nach, ob die Palette noch steht.

Sie werden feststellen, dass die Beteiligten das nicht als Belastung erleben, sondern als Entlastung. Nichts ist anstrengender, als für alles ein bisschen zuständig zu sein und nie zu wissen, ob man gerade dran ist.

Kurz gesagt

  • Zuständig heisst: Ich darf. Verantwortlich heisst: Wenn es nicht passiert, liegt es an mir. Nur das Zweite bewegt etwas.
  • Verantwortung ist ein Staffelstab. Er kann nur in einer Hand sein. Zwei Hände bedeuten Stillstand.
  • Silos entstehen durch fehlende Schnittstellen, nicht durch klare Verantwortung.
  • Verantwortung klären heisst: eine Person, eine Vertretung, ein Entscheidungsrahmen, sichtbar am Ort des Vorgangs.
  • Verantwortung ist nicht Schuld. Wie Sie mit dem ersten Scheitern umgehen, entscheidet über den nächsten Freiwilligen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Führt klare Verantwortung nicht zu Abteilungsdenken und Silos?

Nein, wenn Sie die Schnittstellen mitklären. Silos entstehen, wenn Bereiche nicht wissen, was sie einander liefern müssen, nicht wenn sie wissen, wofür sie stehen. Wer den Stab hält, braucht klare Zulieferungen von anderen. Genau diese Vereinbarung ist die Zusammenarbeit. Geteilte Zuständigkeit dagegen wirkt nur wie Zusammenarbeit, in Wirklichkeit wartet jeder auf den anderen.

Was, wenn die verantwortliche Person keine disziplinarische Befugnis über die Beteiligten hat?

Das ist der Normalfall, und es funktioniert, wenn drei Dinge stimmen: Die Zuordnung ist von der Leitung sichtbar getragen, die Schnittstellen sind vereinbart, und es gibt einen kurzen Weg zur Eskalation, wenn eine Zulieferung ausbleibt. Laterale Führung lebt davon, dass die Rolle bekannt ist und Rückendeckung hat. Die Leitung muss die Eskalation dann auch ernst nehmen, sonst ist die Rolle leer.

Sollen wir Verantwortlichkeiten für alle Prozesse auf einmal klären?

Nein. Fangen Sie bei den Vorgängen an, die in den letzten Wochen liegen geblieben oder eskaliert sind. Das sind meist wenige Typen, und dort ist der Nutzen sofort spürbar. Wer alle Prozesse auf einmal ordnen will, landet bei einem grossen Dokument, das niemand liest. Wer einen Vorgang klärt und das Ergebnis am Board zeigt, löst die Frage nach dem nächsten von selbst aus.

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Welche Palette steht bei Ihnen gerade zwischen den Bereichen?

Im Erstgespräch, 45 Minuten und unverbindlich, nehmen wir einen Vorgang aus Ihrem Alltag und klären, wer den Stab halten sollte.